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Bemerkungen zur Welt der Pflanzen
Ein Essay v. H. Bönig

Liebe Naturfreundinnen & Naturfreunde,


„Pflanzen können sehen. Sie sind außerdem in der Lage zu zählen, sich untereinander zu verständigen, auf die leichteste Berührung zu reagieren und Zeitspannen mit erstaunlicher Genauigkeit einzuschätzen. Vielen Menschen erscheinen derartige Behauptungen stark übertrieben, oder sie halten sie einfach für falsch …“


Mit diesen Worten leitet der heute 93-jährige britische Naturforscher und Tierfilmer Sir David Attenborough sein wunderbares Buch Das geheime Leben der Pflanzen (1995) ein. Für dieses Essay konnte ich mir keine schönere Einleitung wünschen.

Erinnerungen des Autors
Mein Interesse an Blumen, Bäumen und generell an Pflanzen wuchs langsam. Und stets in sozialen Kontexten, zunächst in meiner Kindheit. Sei es, dass ich mich als Enkel immer darüber wunderte, dass bestimmte Pflanzen bei einer meiner Großmütter stets gediehen, während, so schien mir, Bemühungen sämtlicher anderer scheiterten: Was meinte die Rede von „grünem Daumen“? Dann war da noch die Arbeit im Garten, das Sähen und Ernten. Da waren die Himbeerbüsche, der Holunder, der mir mit Großmutters Rezepten half, Erkältungen zu überstehen … Da waren duftende Farne, mit denen ich, kaum dass sie getrocknet waren, die Hütten in großen Laufzwingern meiner Rauhaarteckel auspolsterte … Ich wuchs auf bäuerlichem Lande auf … Und es gab die Mutter, der ich Feldblumensträuße nach der Schule mitbrachte. Margeriten, Mohn- und Kornblumen sowie allerlei Getreide flocht ich zusammen … Ein alter Boskop war mein Baumhaus. Eine riesige Rotbuche beschatte den Küchenraum; in ihr versammelten sich all die Vögel, die mich dann im Winter am Vogelhäuschen vor dem Küchenfenster besuchten. Bucheckern-Mehl kannte ich als Kind zwar nicht: Bucheckern sammelte ich aber damals reichlich, ich genoss sie … Die stattlichen Eichen im Schlosspark Herrenhausen imponierten mir. Vor dem Bau von Autobahnen fand ich in großen Mischwäldern Abenteuer und Ruhe. Eine alte Buche war es auch, in deren Rinde ich so manches schnitzte … Heute möchte ich mich beinahe für den ihr womöglich zugefügten Schmerz entschuldigen. Heilpflanzen und Kräuter spielten umgekehrt in meinem Leben oft beschwerdelindernde oder heilende Rollen: Kamille, Minze, Ringelblume, Aloe und Fenchel, um nur ein paar zu nennen. Mit Obst und Gemüse wurde ich als Kind gut versorgt: „an apple a day keeps the doctor away!“ (englisches Sprichwort: „ein Apfel pro Tag hält den Doktor fern.“).

Die Bedeutung unserer Pflanzen
Auf globaler Ebene werden wir derzeit Zeugen eines ganz anderen Paradoxons: Obwohl wir, wie Stefano Mancuso (2013, Die Intelligenz der Pflanzen) verdeutlicht, ohne die Pflanzen, die uns mit Sauerstoff (Stichwörter: oxygene Photosynthese, Chlorophyll-Bildung), Energie und Nahrung versorgen, nicht einmal, so schätzt er, eine Woche überlebensfähig wären, behandeln wir sie, um im Bild zu bleiben, mehr als stiefmütterlich: bereits vor 25 Jahren schrieb Attenborough (s. o.): „Seit wir [Menschen, Anm. d. Autors]auf der Erde erschienen sind, haben wir Pflanzen ausgegraben, gefällt, verbrannt und vergiftet – und gerade heute [!, s. o.] geschieht das in einem bisher nie erreichten Ausmaß. Es wird dringend Zeit, sich klarzumachen, wie gefährlich dieses Verhalten ist und dass es höchste Zeit wird, unser grünes Erbe nicht länger zu plündern, sondern zu hegen und zu pflegen. Tun wir das nicht, schaufeln wir uns unser eigenes Grab.“

Pflanzen in der Kultur
Auch der kulturelle Wert der Pflanzenwelt ist nicht hoch genug einzuschätzen: Van Goghs Bilder, beispielsweise die der Kornfelder oder Sonnenblumen, bleiben in unserem kollektiven Gedächtnis; die Literatur ist voll von Märchen und Fabeln und anderer Geschichten, die ohne Wälder, Almen und Heide-Landschaften nie erdacht und aufgeschrieben, geschweige denn verfilmt worden wären: „Hänsel & Gretel“ (1812/1819, Gebrüder Grimm), „Heidi …“ (1880/1881, Johanna Spyri), „Mümmelmann“ (1909, Hermann Löns) und „Ronja Räubertochter“ (1981, Astrid Lindgren) hätte es für uns nie gegeben! Und vergessen wir nicht den Wert der Welt der Pflanzen in der Musik: Denken wir an die Evergreens „Weiße Rosen aus Athen“ (Nana Mouskouri, 1984), „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ (Franz Doelle, 1953), übersetzt: „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen“ (My Fair Lady, NY, 1956). Und, natürlich: „Alt wie ein Baum“ (1976/1977, Puhdys)!

Apropos Musik und Grün: In einem von Phönix am 27. März 2020 ausgestrahlten Film von Thierry Berrod zeigt Mancuso, dass mit klassischer Musik beschallte Weinpflanzen höher und schneller wuchsen und weniger von Insekten befallen wurden.

Auch Pflanzen gehören zur belebten Natur!
Seit Erscheinen zahlreicher Publikationen über das tierische Bewusstsein (beispielsweise M. S. Dawkins, 1994) ist die These René Descartes‘ (1596–1650), „Tiere empfinden weder Freude noch Schmerz“ endgültig wissenschaftlich widerlegt. 1975 ging Peter Singers Buch Animal Liberation (übersetzt: Die Befreiung der Tiere) als einflussreiches Werk in die Tierrechtsgeschichte ein. Erst seit kurzem können wir so etwas wie ein Bewusstsein im Wurzelwerk der Pflanzen vermuten (vgl. z. B. TV-Doku Terra X, „Unsere Wälder“, drei Teile, 3SAT (2017). Wie aber steht es nun mit den Rechten der Pflanzen?

Jacopo Bassanos Gemälde Der Einzug der Tiere in die Arche Noah (1575) schildert eine Szene aus der Genesis – Pflanzen kommen dort nicht vor. Sie galten offensichtlich nicht als Lebewesen.

Plädiert Karsten Brensing (2018, Die Sprache der Tiere) heute dafür, Tiere quasi in unserer Kommunikation mit ihnen zu „vermenschlichen“ um ein besseres gegenseitiges Verständnis auf der Ebene der Empathie zu erzielen, so darf wohl legitim, mit Blick auf die globale Lage (s. o.), gefragt werden, wo denn unser Mitgefühl für unsere pflanzlichen Mitbewohner unseres Heimatplaneten ist.

Mittlerweile kennt die Welt der Pflanzen erfreulicherweise ebenfalls renommierte, öffentlichkeitswirksame Vertreter ihrer Interessen. Peter Wohlleben (u. a. 2019, Das geheime Leben der Bäume, kürzlich als gleichnamiger Kino-Film erschienen) ist einer von ihnen. Interdisziplinär reihen sich beispielsweise Astrophysiker (Lesch), Philosophen (Precht) und viele weitere ein, deren Stimmen gehört werden. Sie wandeln alle als „Brüder und Schwestern im Geiste“ auf den Spuren derer, dessen Werke und Stimmen bereits vor vielen Jahrzehnten zu lesen, sehen und hören gewesen waren: Horst Stern (1922–2019), Mitbegründer des BUND (1975) bleibt mit seinen zahlreichen Fachzeitschriften und TV-Dokumentarfilmen (Sterns Stunde) unvergessen. Gleiches gilt für Heinz Sielmann mit seiner TV-Reihe: Expedition ins Tierreich. Die Liste ist lang. Es verbindet sie alle das Wissen darüber, was nicht zuletzt O. E. Wilson (*1929) in The Diversity of Live, übersetzt: Der Wert der Vielfalt, eindringlich beschreibt: Flora & Fauna bedingen einander! In diesem Zusammenhang bin Ich sehr dankbar für das wunderschöne filmische Meisterwerk „Die Wiese-Ein Paradies nebenan“ (2019) von Jan Haft.

Dass, wie Goethe (1749–1832) es formuliert, die beste Bildung auf Reisen zu finden sei und dass diese Inseln Charles Darwin viele Denkanstöße bot für seine Evolutionstheorie, war mir nicht ganz unbekannt, als ich selbst im Jahre 2001 das Galapagos-Archipel bereiste. Auf Santa Cruz hatte ich die Möglichkeit, dem Team der dort ansässigen Charles Darwin Research Station im Umweltschutz behilflich zu sein. Charles Darwin (1809–1882) war als Naturforscher in seinen späteren Jahren auch Botaniker; mit seinem Werk On the Origin of Species (1859) gründete er seine berühmte Evolutionstheorie. Damit kam er knapp seinem „Kollegen und Konkurrenten“ Alfred Russel Wallace (1823–1913) zuvor. Goethes Erwähnung kommt nicht von ungefähr: auch er verstand sich mit seiner Schrift Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären (1790) als Botaniker.

Warum es sich zu schützen lohnt!
Obwohl, wie Stefano Mancuso aufzeigt, Pflanzen über mehr Sinne als wir Menschen, nämlich 20 (!), verfügen – das sind 15 mehr als unsere – (um nur drei davon zu nennen: sie können elektromagnetische Felder erspüren, die Schwerkraft berechnen und chemische Analysen ihrer Umwelt erstellen), wähnen sich viele von uns noch immer als „Krönung der Schöpfung“: Nach fünf nacheinander erfolgten Hitzesommern (2015–2019) mit ihren Dürren stehen nicht nur die Buchen im Schlosspark Sanssouci kurz vor ihrem existenziellen Aus. Neuesten Berichten zufolge steht uns der nächste Hitzerekordsommer bevor … Der im September 2019 in Australien begonnene Waldbrand vernichtete auf mehr als 60.000 Quadratkilometern Fläche eines der weltgrößten Ökosysteme …

Wie in allen Bereichen der Nachhaltigkeit können wir selbst durch unser individuelles Verhalten vieles bewirken und zum Guten wenden. Irenäus Eibl-Eibesfeldt (1928–2018), Humanethologe, bestätigte das sicherlich. Mir geht es hierbei aus gegebenem Anlass jetzt um die Tatsache, dass – kürzlich auch so von Svenja Schulze (Bundesministerin für Umwelt, SPD) geäußert – wir uns mittels unseres Naturschutzes implizit vor Pandemie-Risiken schützen können! Und zwar indem wir sofort damit aufhörten, in Regionen vorzudringen, die bislang fast menschenleer waren, dort Bäume & Wälder rodend Lebensraum vernichten (s. Attenborough oben!) und somit aufgrund der entstandenen Engen mit Konfrontationen mit für uns neuen, lebensbedrohlichen Viren zu rechnen haben! Bereits 1878 wies Russel Wallace auf Umweltprobleme durch menschliches Eingreifen in die Natur mit seiner Schrift Tropical Nature and Other Essays hin, und 2013 beschrieb David Quammen in seinem Werk Spillover resultierende Szenerien aktuellster Bedeutung und Tragweite! Kurz: „Weltweiter Naturschutz kann Risiko künftiger Seuchen verringern!“ (Schulze, 2.4.2020) Fazit: Hörten wir also bitte auf, Produkte von Industrien zu konsumieren, die für die gerade geschilderten Missstände verantwortlich sind. Für diese wäre zwar der Profit minimiert, wir jedoch hätten unser aller Leben mit höherer Qualität gewonnen! Naturschutzstationen wie die am Hahneberg helfen als Umweltbildungseinrichtungen mit ihren Projekten, das Wissen nicht nur über die große Welt der Flora & Fauna zu erweitern: Sie helfen überdies, Zusammenhänge zu erkennen und, mindestens, wie hier dargelegt, genauso wichtig, eben diese Natur mit allen, unseren „wenigen“, Sinnen zu erspüren! So mag es gelingen, mehr – nötige – Empathie für uns zwar artfremdes aber nahestehendes Leben zu erlangen. Jeder weiß: im Kreislauf der Natur ist jedes Leben wichtig.

Ein kleiner Beleg für den Erfolg in dieser Hinsicht könnte ja sein, dass die von Kita-Kindern liebevoll eigepflanzten Obstkerne bereits im Gewächshaus unserer Naturschutzstation keimten und uns nun mit ihrem zarten, grünen Anblick als Pflänzchen erfreuen. Vielleicht waren da viele „grüne Däumchen“ am Werk.

Die Kniffe der Pflanzen
Manchmal bedienen sich Pflanzen zur Erhaltung ihrer Art listiger Kniffe. Auf Teneriffa, beispielsweise, bedient sich die Kanaren-Glockenblume (Canaria canariensis) in den Nebelwäldern der Hilfe des Zilpzalps (Phylloscopus collybita): da die Insekten, derer diese Pflanze bedurfte, dort ausstarben, wurde sie zur „Vogel-Blume“: sie formte ihre Blüten maßgeschneidert für die Kopfform dieses – übrigens auch bei uns heimischen – Vogels um, den sie auf diese Weise dann mit reichlichem Nektar versorgen kann. Der Zilpzalp (s. Bilder-Anhang) muss dabei mit seinem sehr langen, schmalen Schnabel tief in die Blüte eindringen und löst somit im Anschluss die Insekten als Bestäuber ab. Prächtig blaugefiederte Teydefiken (Fringilla teydea) helfen Erdbeerbäumen (Arbutus canariensis) : sie lassen bei ihrer Verspeisung der Früchte in den Baumwipfeln vieles fallen, was am Boden dann von anderen verteilt wird … Kniffe: so wäre womöglich die adäquate Beschreibung für das, was zumeist als Symbiose in der Biologie bezeichnet wird.

Ich möchte ein Gespür dafür vermitteln, weshalb ich diesen Lebewesen mit Ehrfurcht begegne. Im Jahre 2006 besuchte ich einen Natur-Park in Ivenack (Mecklenburg- Vorpommern) und bestaunte dort die berühmten 1.000-jährigen Eichen; 10 Jahre später hatte ich das Glück, in einem kleinen Dorf im Westen Kretas, Pano Vouves, einen 5.000 Jahre alten Olivenbaum zu finden (s. meine Fotos im Anhang).

Die Alten in Pano Vouves berichten von einer Legende, wonach ihr Olivenbaum bislang jeglichem Unbill trotzte: und zwar, indem er in seinem stattlichen hohlen Stammesinneren stets eine große Anzahl Hühner duldete: Man wollte den Baum als Stall nie verlieren … Bauernschläue?! Ich wünsche wie stets in meinen Beiträgen viel Freude beim Betrachten. Nicht vergessen möchte ich, mich herzlich bei dem Fischer-Verlag zu bedanken, der mir gestattete, die Cover-(Schutzumschlag-)Fotos für meinen Bild-Anhang zu nutzen.

Sprach ich weiter oben von der kulturellen Bedeutung der Pflanzenwelt für uns, so nannte ich die Poesie noch nicht. Ich hob sie mir für diese Stelle auf, an der ich mich nun von Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, verabschieden möchte. Mit einem Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe:


Anmerkungen zur Literatur

Attenborough, D.
Das geheime Leben der Pflanzen, Scherz, Bern/München/Wien, 1995
ISBN: 3-502-15031-1

Mancuso, S. (mit Viola, A.)
Die Intelligenz der Pflanzen, Kunstmann, München, 2015
ISBN: 978-3-95614-030-3

Dawkins, M.
Die Entdeckung tierischen Bewußtseins, Spektrum-Verlag, 1994
ISBN: 978- 3860 252 031

Singer, P.
Die Befreiung der Tiere, Harald Fischer, Erlangen 2015
ISBN: 978-3-89131-532-3

Brensing, K.
Die Sprache der Tiere. Wie wir einander besser verstehen. Aufbau, Berlin 2018
ISBN: 978-3-351-03729-1

Wohlleben, P.
Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kom-munizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt. Ludwig-Verlag, München 2015,
ISBN: 978-3-453-28067-0

Stern, H.
Rettet den Wald, Kindler, München 1989
ISBN: 3-463-40107-X

Wilson, E. O.
Der Wert der Vielfalt – Die Bedrohung des Artenreichtums und das Überleben des Menschen, Piper München/Zürich 1995
ISBN: 3-492-03647-3

Darwin, C.
Die Entstehung der Arten, [Original: engl. 1859], Nikol, 2008
ISBN: 978-3868200027

Wallace, A. R.
Tropical Nature, and Other Essays. Macmillan & Co, London/New York 1878

Quammen, D.
Spillover: Der tierische Ursprung weltweiter Seuchen. Deutsch Verlags-Anstalt München 2013
ISBN: 3-421-04365-5


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