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Schaf wird geschoren

Den Schafen geht’s an die Wolle

Vielen Besucherinnen der Naturschutzstation und Spaziergängerinnen sind die Schafe des Schäfers Björn Hagge ein besonderes Augenmerk. Von den Wegen lassen sich gut die zahlreichen Gotlandschafe, Heidschnucken und Ziegen bestaunen, wie sie in zotteliger Gestalt nach saftigem Grün suchen oder sich in der Mittagshitze im Schatten der Bäume tummeln. Des Öfteren muss man sie auch erst suchen, denn der Schäfer zieht mit den Tieren regelmäßig von Weide zu Weide, sodass sie immer ausreichend Futter finden. Björn Hagge betreibt mit seinen Tieren in erster Linie Landschaftspflege, um offene Flächen, wie Weiden oder besondere Biotope von der Verdichtung durch Bäume und Sträucher frei zu halten. Nach einer kurzen Ruhepause für die Weide, wächst das Grün wieder dichter und die Tiere sind zurück. Sie grasen friedlich und wirken dabei sehr zufrieden.

Etwas hat sich allerdings verändert: die Tiere sind ihr dickes Fell los! Björn Hagge schert seine Tiere einmal im Jahr, denn im Sommer ist den Tieren ihre warme Wolle bei hohen Temperaturen schnell eine Last. Auch in unseren Kleiderschränken kommt jetzt der Wollpullover seltener zum Einsatz und ähnlich ergeht es den Schafen, die sich über die Erleichterung der Wolle freuen. Meteorologisch warten Schäfer*innen häufig die Tage der Schafskälte ab, bevor mit dem Scheren begonnen wird. Zwischen Anfang und Mitte Juni zieht kalte Polarluft aus dem Nordwesten nach Mitteleuropa und frisch geschorene Schafe ohne ihre schützende Wolle würden nun frieren. Björn Hagge hat sich nach der alten Bauernweisheit gerichtet und erst nach der Schafskälte geschoren.

Für den großen Schertag am 22.06. trommelte Schäfer Hagge geübte Schafscherende zusammen, einige von ihnen nahmen bereits an deutschen Schafscher-Meisterschaften teil. Die Schafe wurden in kleinere Gruppen geteilt und von den aufmerksamen Hütehunden sanft zusammengehalten- in der Schäferei sagt man hierzu Pferchen. Mit geübten und festen Handgriffen wurden die Tiere auf den Rücken verlagert, damit diese sich möglichst wenig bewegen. An den drei Scherstationen setze daraufhin das Surren der Handschermaschinen ein und nach nur kurzer Zeit sahen die Schafe wie neugeboren aus – um jedes Tier breitete sich eine große flauschige Wollwolke. Am Ende des Tages waren etwa 200 Schafe von ihrem Mantel erleichtert und auf der Weide türmten sich ca. 800 kg reine Schafswolle, die an den Händen einen öligen Film hinterließ. Die Naturschutzstation hat sogar einen Teil gespendet bekommen, um für kommende Bastelprojekte gewappnet zu sein. Die eher traurige Erkenntnis dieses Tages war allerdings, dass die Wolle kaum noch Gebrauch findet. Björn Hagge verkauft einen Großteil seiner Wolle zwar an einen Wollverarbeitenden, von dem Verkauf der Wolle kann er allerdings nicht leben.

Der Großteil der SchafshalterInnen sieht meist ernüchtert zu, wie die kostbare Wolle entsorgt, manchmal sogar verbrannt wird. Woran das liegt? An dieser Stelle sollten wir uns selbst an die Nase fassen, denn wir als VerbraucherInnen schauen selten auf die Herkunft unserer Wollkleidung, wenn wir überhaupt welche neben Baumwolle- und Polyestertextilien im Schrank finden. Die Schafe sind domestizierte Rassen, deren Wollwachstum züchterisch optimiert wurde, um daraus allerlei Nutzbares herzustellen. In früheren Zeiten wurde daraus Wolle gesponnen und zu schöner Wollkleidung und weiterem verwertet. Die aufwendigen Schritte, wie das Waschen und Kardieren (Kämmen), die dem Spinnen und Stricken zuvorkamen, nahmen dabei viel Zeit ein. Auch in der Landwirtschaft fand die Wolle als natürlicher Langzeitdünger Anwendung. Heutzutage hat die Wolle als lokales Produkt weniger Durchsetzungskraft auf dem Markt und so schmälert sich nach und nach ihr Wert, sodass viele Schäfer auf der Wolle sitzen bleiben.

Wenn man Björn Hagge und seine befreundeten SchafscherInnen fragt, dann wünschen sich alle einstimmig, eine Rückbesinnung auf den Wert der Wolle. Vielleicht greifen auch Sie demnächst zu einem hochwertigen, langlebigen Wollpullover, der im Winter gute Dienste leistet und unterstützen damit regionale SchäferInnen und Wollverarbeitende! Oder sie bestaunen die Tiere zumindest bei Ihrem nächsten Besuch am Hahneberg für ihre tolle Leistung und machen sich ihren Wert bewusst.

Wir hoffen darauf, dass bald wieder Führungen mit dem Schäfer stattfinden und halten Sie auf dem Laufenden.


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